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All dieses Theater… Vorhang auf, der Spaß beginnt – gäbe es denn einen Vorhang. Aber gehört der nicht zwingend zu einem Theaterstück dazu? Und wie ist das mit Requisiten, Kostümen und vor allem Texten? Je nach Intention können Theaterstücke bereits auf dieser eher äußerlichen Ebene sehr unterschiedlich ausfallen. Weitere wichtige, den Gesamteindruck stark prägende Aspekte sind Licht, Musik, Geräusche, Effekte. Theater ist modern, Theater ist immer anders, Theater ist immer auch eine große Überraschung. Letztere Punkte mögen richtig sein, doch bedingen sie nicht den Erfolg eines Theaterprojekts. Erfolg bei einem Achtklass-Spiel wird mit anderen Maßstäben gemessen. Theater in der Schule ist primär geprägt von einem pädagogischen Anliegen und dieser Aspekt bestimmt die Arbeit in einer achten Klasse mehr als alles andere. Sollte. Inszenierungen, die um ihrer selbst willen wie ein Korsett um das Stück geschnürt werden, haben hier keinerlei Berechtigung. Eine Regie, die die SchauspielerInnen zu Marionetten degradiert, ist fehl am Platz. Die Bremer Theaterlandschaft weist viele Belege dafür auf, dass es anders geht und Schule muss klar darauf drängen, dass sie die Rahmenbedingungen dafür schafft, SchülerInnen ein altersgemäßes Stück auf die eigenen Beine stellen zu lassen. Angesichts der gegenwärtigen Leistungsdiskussion an Schulen ist es alles andere als selbstverständlich, solche Rahmenbedingungen zu haben. Der Leistungsbegriff wird übertragen auf die Theaterwelt, Vergleiche werden angestellt, Ansprüche von außen erhoben. Das kann schnell zu einer emotionalen Überforderung der Jugendlichen führen. Überforderungen bei Mutproben - und Theater ist eine Mutprobe erster Güte! - stärken aber nicht. Im Gegenteil, sie schwächen. Rahmenbedingungen - und mehr geht nicht - müssen altersgemäß bedacht gestellt werden, bleiben aber am Ende dennoch nur Rahmenbedingungen, die ergebnisoffen dazu dienen, einen Prozess zuzulassen und keinerlei Aussage über das Ergebnis einzufordern. Das bedeutet, dass trotz aller Vorsichtsmaßnahmen bei den Probenarbeiten alles so richtig schief gehen kann, ganz so wie im richtigen Leben. Und am Ende steht unter Umständen kein Ergebnis da, welches im Rampenlicht erstrahlen könnte. Wenn es aber klappt – und meistens klappt es ja sehr gut! – dann nur, weil die Akteure sich eingelassen haben auf einen großartigen Versuch, bei dem am Anfang keiner wusste, was am Ende heraus kommt. Der Erfolg eines Klassenspiels lässt sich messen, indem betrachtet wird, inwieweit sich die Jugendlichen eingelassen haben auf ein Abenteuer. Ein erfolgreiches Klassenspiel kann also auch scheitern. Die Abendveranstaltung wird abgesagt! Die Dimensionen, die wirklich freilassende Probenarbeiten einnehmen können, sind kaum einschätzbar, auch nicht von Erwachsenen. Das erfordert viel Mut und Durchhaltekraft. Keiner weiß zu Anfang, wohin die Reise geht. Ein echtes Abenteuer! Wenn es gelingt, dass sich eine Klasse auf dieses Abenteuer einlässt, und zwar als Gemeinschaft, dann ist das für sich genommen schon als Erfolg zu bewerten. Klassenspiel bedeutet für die Jugendlichen auch, sich einlassen zu können auf einen ungemein komplexen Gruppenprozess: auf vielschichtigste Aufgaben, denen sich keiner entziehen kann, der einmal zugesagt hat; auf Reisen in unbekannte Gebiete, in denen eine komplette Neugestaltung der persönlichen Wahrnehmungsfähigkeit stattfinden kann; auf Mutproben, die einem den Schweiß auf die Stirn treiben. Schauspielern bedeutet den Mut zu haben, alte Vorstellungen über Bord zu werfen, neue Sachen auszuprobieren, ohne zu wissen warum. Es bedeutet, sich in der Klasse sozial neu orientieren zu wollen, andere Menschen kennen zu lernen auf eine Art, wie es sonst nur selten möglich ist. Theater bietet die Chance in eine neue, fremde Rolle schlüpfen zu dürfen und mit dieser Rolle machen zu können, was man will. Herr im Haus sein – wenigstens auf der Bühne. Wie sehr wünscht sich das nicht jeder von uns, und wie sehr hilft es in turbulenten Zeiten, wenigstens für ein paar Minuten oder vielleicht sogar Tage abgelenkt zu sein von all den Fragen, Sorgen und Ängsten, die uns in unterschiedlichen Altersstufen beschäftigen können. Jugendliche im Alter von 14 Jahren haben viele Vorstellungen in ihren Köpfen, die sie aufbrechen können, Ängste und Sorgen, die ihnen schlaflose Nächte bereiten. Ein bisschen Theater kann da ganz hilfreich zu pass kommen. Für all diese Dinge braucht es keine großen Kulissen oder Effekte. SchülerInnen, die sich auf ein Stück einlassen können, weil sie es für sich ergriffen haben, sind der größte special effect, den sich Hollywood nur vorstellen kann. Denn sie sind echt. Und das anzusehen ist ein reiner Genuss. Nicht ganz ohne Stolz glauben wir behaupten zu dürfen, dass das Klassenspiel der 8. Klasse in diesem Jahr ein solcher Genuss war, denn es war ein Klassenspiel, in dem oben beschriebenen Sinne. Stolz sind wir, weil wir mit dabei sein durften, als die Jugendlichen einstiegen in die Arbeit, voller Vertrauen, dass es klappen würde, stolz, weil wir sehen durften, wie alle an den Aufgaben und Herausforderungen wuchsen, stolz, dabei sein zu können, als die SchülerInnen das Stück zu ihrem eigenen machten. Es war ein echtes Klassenspiel, und es war allenthalben sichtbar, wie wertvoll, auch pädagogisch wertvoll, solche Arbeit ist. Es wäre gut, auch in der Zukunft an der Verbesserung der Rahmenbedingungen zu arbeiten, um auch in Zukunft weitere Erfolge dieser Art möglich zu machen. Dieses Jahr hatten wir trotz widrigster Umstände das große Glück, dass einfach alles dann doch perfekt war. Der wichtigste Teil waren sicher die SchauspielerInnen selbst. Doch auch die Umgebung, und hier sind besonders die Eltern zu nennen, trug unterstützend, aufbauend, Vertrauen schaffend mit dazu bei, dass sich die Jugendlichen ohne Wenn und Aber auf ein Abenteuer einlassen konnten, welches uns alle noch lange in schönster Erinnerung bleiben wird.

J.Warneke, L.Gerding

 
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